Details
DRM: Nicht vorhanden
Weitere Details
Leseprobe
1
Ana
Ich bin spät dran. Ich bin sogar ultraspät dran. Mal wieder. Anders als sonst ist es heute nicht meine Schuld. Die Zufahrtsstraße zum Hotel war verstopft, weil einer der unzähligen Surfer sein Board meterweit über die Fahrzeugseite hat hinausragen lassen. Unglücklich gelaufen. Jetzt gibt es einen Briefkasten weniger auf der Insel.
Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert. Keiner wurde verletzt, nur mein Zeitplan durcheinandergewirbelt. Leider passiert das viel zu oft. Ich lasse mich zu gerne von allem Möglichen ablenken. Aber das Leben ist kurz und ich habe nicht vor, irgendetwas zu verpassen. Pünktlich zu sein gehört nicht zu den Dingen, auf die ich Wert lege.
„Hey Ana, du bist spät dran.“
Das weiß ich selbst, Danke.
„Ja. Wie immer.“ Ich schenke James-Dean Makaio, dem Bagagist und Portier im Lailani Beach Hotel und Mädchen für alles, ein Lächeln und lege einen Zahn zu. Das Eis muss schnellstmöglich in die Kühlung, sonst fällt das Dessert im Hotelrestaurant ins Wasser.
Meine Familie beliefert ganz O’ahu mit frischem Ananaseis. Sämtliche Lieferungen für die Hotels in Honolulu übernehme ich persönlich, um den unmittelbaren Kontakt mit den Kunden zu fördern. Die Keoki-Plantage gehört zu den angesehensten Unternehmen auf ganz Hawaii. Mein Vater und mein Bruder sind neben mir zuständig für die Plantage, die sich ausschließlich mit dem Anbau von Ananas beschäftigt. Unser selbst gemachtes Ananaseis macht mittlerweile ein Drittel unseres Umsatzes aus. Darauf sind wir drei mächtig stolz. Es schmeckt aber auch außerordentlich frisch, süß und unvergesslich exotisch, genau wie unsere Ananas. Ein Urlaubserlebnis für jeden Touristen, der nach Honolulu kommt.
Unauffällig sehe ich zur Rezeption und überprüfe, ob mich jemand bemerkt. Für gewöhnlich nehme ich den Lieferanteneingang, aber ich bin spät dran und habe keine Zeit, den Hotelkomplex zu umrunden und das Gebäude von hinten zu betreten. Wenn ich durch die Abkürzung ein paar Minuten einspare, nehme ich die möglichen Unliebsamkeiten, bei etwas Verbotenem erwischt zu werden, gerne in Kauf. Beflügelt von meiner Idee senke ich den Blick und ziehe mir das gelbe Cap mit unserem Firmenlogo tiefer in die Stirn. Bloß nicht angesprochen und in letzter Sekunde aufgehalten werden. Bitte nicht. Ich habe es wirklich eilig.
JamesDean ruft mir etwas zu, das ich nicht verstehe, dann passiert es … mein Körper prallt gegen eine Wand.
Was?
Grundgütiger!
Fassungslos starre ich auf meine Hände, die plötzlich feucht und klebrig sind, und anschließend nach oben. Weit nach oben. Ein grimmig dreinblickender Mann mit akkuratem Kurzhaarschnitt steht vor mir. Ein adretter Anzugträger, um die dreißig, mit einer stahlharten Brust, die nun mit angetautem Ananaseis besprenkelt ist.
Das ist nicht gut. Sein Jackett ist aufgeknöpft und das strahlend weiße Businesshemd mit unzähligen Spritzern überzogen, als hätte ein Hund sein Bein etwas zu hoch gehoben und ihn angepinkelt. Zumindest ein bisschen. Unser Ananaseis hat ein helles, aber sehr strahlendes Gelb.
Der Gedanke lässt mich sofort grinsen. Ich kann nichts dafür, ich habe eine blühende Fantasie. Immer schon. Gutaussehende Kerle aus der Kategorie Geschäftsmann auf Urlaub werden bestimmt höchst selten von Hunden angepinkelt. Eine solche Vorstellung ist zu komisch. Warum trägt dieser Mann bei fünfunddreißig Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von schnuckeligen achtzig Prozent einen Anzug? Das muss die reinste Folter sein. Gut möglich, dass er gerade angekommen ist. Inselneulinge sind oftmals an unpassender Kleidung auszumachen.
„Entschuldigung.“ Obwohl ich mich bemühe, kann ich meine Belustigung nicht zurückhalten. Umgehend reiße ich mich zusammen und versuche meine Gesichtsmuskeln zu kontrollieren. Dieses freche Schmunzeln ist mehr als unangebracht.
„Was ist das für ein Zeug?“ Der Mann sieht an sich herunter, runzelt die Stirn und zieht die Augenbrauen zusammen. Offensichtlich setzt ihm nicht nur die schwüle und extrem feuchte Luft zu. Er ist sauer. Stinksauer. Höchste Zeit, Schadensbegrenzung zu betreiben.
„Äh … Eis.“ Erneut sehe ich auf meine Finger und den Behälter, der jetzt einen Riss hat. Der Deckel ist abgesprungen und das kostbare Eis ist über den Rand gelaufen. Mist! Es ist schon viel flüssiger als ich dachte. „Es tut mir unendlich leid. Das hätte nicht passieren dürfen.“
„Sehe ich auch so.“
Mein Gegenüber unterlässt es, sich abzutupfen oder das teuer anmutende Jackett nach Spritzern abzusuchen. Er steht bewegungslos vor mir und behält mich genau im Auge, als vermute er Absicht hinter dem Malheur, das meinen Zeitplan in den Ruin treibt.
„Entschuldigung“, wiederhole ich und trete einen Schritt zurück, um dem Anzugträger Raum zu geben. Er wirkt mürrisch und angespannt, als warte er nur darauf mich anzugreifen. Es ist fast schon ein wenig unheimlich. Deswegen drücke ich den Eisbehälter verzweifelt gegen meine Brust, damit nicht noch mehr auf den Boden tropft.
Was habe ich nur für eine Schweinerei angerichtet? Der Hotelchef wird wütend sein, wenn er davon erfährt. Ich seufze und denke bereits an das Gespräch, das unweigerlich auf mich zukommen wird. Warum habe ich nicht den Hintereingang genommen? Dummer Fehler. Unbewusst weiche ich weiter zurück.
„Stopp! Stehen bleiben!“
Mr. Schlechtgelaunt hat die Hand nach mir ausgestreckt und meinen Unterarm gegriffen. Wenn ich nicht so gute Reflexe hätte, wäre der Eisbehälter sicher zu Boden gefallen.
„Aua!“ Ungelenk versuche ich mich loszumachen, aber der Druck wird nur fester. Mein Arm sitzt in seiner Faust, eingeklemmt wie in einem Schraubstock.
„Meine Brieftasche! Bitte geben Sie sie zurück. Und die Uhr, die Sie genommen haben, ebenfalls.“
Wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt keinen Atemzug mehr tun. Entsetzen überkommt mich. Mir fehlen die Worte. Und die Nerven auch.
„Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihre Brieftasche habe? Oder Ihre Uhr?“, frage ich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe. So etwas ist mir noch nie passiert. Unglaublich! Denkt dieses hochmütige Individuum etwa, ich wäre eine Taschendiebin? Wie kommt er darauf? Nur weil wir zusammengeprallt sind?
„Ich stehle nicht! So etwas habe ich nicht nötig.“ Mit all meiner Empörung ziehe ich an meinem Arm. Ergebnislos. Der Mistkerl wird mich nie und nimmer loslassen. Das ist so sicher wie unser Eis gelb ist.
„Ana Ananas, was ist los? Brauchst du Hilfe?“ Unmittelbar taucht James-Dean neben mir auf und blickt von meinem Angreifer zu mir und zurück.
JamesDean ist gerade sechzehn Jahre alt und im ersten Ausbildungsjahr. Außerdem ist er in mich verschossen. Zumindest vermute ich das, weil er mich immer Ana Ananas nennt und einen roten Halsansatz bekommt, sobald er mich erblickt.
„James-Dean, könntest du nach dem Manager schicken? Wir haben offensichtlich ein größeres Problem.“ Mein Ton ist eisig und steht dem Blick des selbstgefälligen Anzugsträgers in nichts nach. Mal sehen, wer diesen Streit gewinnt. Die Herausforderung nehme ich gerne an. Schließlich habe ich...